„Unterernährung und Verhungern waren die Zyklon-B-Pellets dieses Ortes“
Bewegende Gedenkveranstaltung zum Tag der Befreiung des Lagers Bergen-Belsen
Mit würdigen Worten erinnerten die Rednerinnen und Redner bei der zentralen Gedenkveranstaltung in Bergen-Bergen der Opfer. Beeindruckend die Schilderung der Überlebenden Anastasija Gulej aus der Ukraine. Im Januar 1945 war sie von Auschwitz, kurz vor der Befreiung durch die Rote Armee am 27. Januar, nach Bergen-Belsen transportiert worden. Sie dachte, schlimmer als Auschwitz könne es nicht werden. Sie hoffte, sie würde niemals mehr Zeugin sein, wenn tagelang Erwachsenen und Kinder über die zentrale Lagerstraße direkt ins Krematorium getrieben wurden. „Die Menschen ahnten nicht, wohin man sie führte, sie gingen in aller Ruhe, an der Hand die Kinder mit ihren Puppen, Spielzeugautos und Bällen“, sagte sie in ihrer bewegenden Rede am Obelisken auf der Gedenkstätte. So hoffte sie, etwas Vergleichbares würden sie nirgends wieder sehen müssen.
Doch sie sollte sich täuschen. Einer ihrer Peiniger, der Auschwitz-Kommandant Josef Kramer, stand im Todeslager Bergen-Belsen wieder vor ihr. „Uns war klar – das ist das Ende“, war Anastasija Gulej überzeugt. Aber es kam der Tag der Befreiung des Lagers durch die britische Armee am 15. April und sie überlebte.
Es mache sie stolz und glücklich, wenn sie heute in Schulen eingeladen würde, um dort mit jungen Menschen gegen Rassismus und Intoleranz zu arbeiten. „Vielen Schulen verleihe ich den Titel ,Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage‘“, sagte sie in ihrer Rede.
Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates der Sinti und Roma, mahnte, es komme heute darauf an, mutig und entschlossen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorzugehen. Es sei eine Lehre aus Bergen-Belsen und eine Pflicht, Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft oder Volkszugehörigkeit diskriminiert würden, vor Angriffen zu schützen.
Emanuel Mandel war aus Washington D.C. angereist. Er war im Juli 1944 als Achtjähriger nach Bergen-Belsen transportiert worden. Er kam über den Weg der so genannten „Rudolph-Kasztner-Transporte“ in die Schweiz im Dezember 1944 frei. Mandel sagte in Bergen-Belsen:
„Zuallererst erinnern wir uns an all diejenigen, die hier in Massengräbern liegen, denen die letzte Würde verweigert ist und an die durch Zahlen erinnert wird, wie ,hier liegen 5.000‘. Bergen-Belsen wurde kein Tötungslager wie Auschwitz, dennoch war es ein Todeslager. Die Unterernährung, das Verhungern, das gefürchtete und unbehandelbare Fleckfieber waren die Zyklon-B-Pellets dieses Ortes. Nirgendwo sonst fanden die Befreier einen solchen Grad der Auszehrung, wie er hier von den britischen Ärzten, Kommandeuren und Geistlichen bei Betreten des Lagers beschrieben wurde.
Und doch kam Leben nach dem Tod. Das Displaced-Persons-Camp Bergen-Belsen war fünf Jahre lang bis 1950 eine Übergangsheimat für viele; es war der Ort, an dem über zweitausend jüdische Kinder geboren wurden, von denen einige heute hier sind. Unter ihnen ist Menachem Rosensaft, der Sohn von Josef Rosensaft, dem Vorsitzenden des jüdischen Komitees der Überlebenden von Bergen-Belsen während der DP-Camp-Jahre.
Dieser Ort des Todes verpflichtet uns dazu in unseren Gedächtnissen das Konzept George Santayanas einzubrennen, der davon sprach, dass wir uns an die Vergangenheit erinnern, damit wir gegen eine Wiederholung angehen können.“



