Kommentar von Arnold Neugebohrn:
Nach dem Anschlag in Paris:
In Trauer und Wut den Westen verteidigen?
Zwölf Menschen, darunter Zeichner, Redakteure, Polizisten, wurden bei dem Terroranschlag auf das Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo" heute, am 7. Januar brutal ermordet. Nach allen bisherigen Berichten muss davon ausgegangen werden, dass die zwei (oder drei) Attentäter ultrareaktionäre Islamisten sind. Das Motiv für diese Tat könnte die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed in dem Magazin sein.
Weltweit hat das Verbrechen Entsetzen, Trauer und Mitgefühl ausgelöst. Von allen namhaften Politikerinnen und Politikern auch in Europa wurden Erklärungen abgegeben; auch die Präsidenten Putin und Obama haben sich geäußert und Unterstützung angeboten.
Gewarnt werden muss an dieser Stelle vor dem Versuch, diesen furchtbaren Anschlag zum Anlass zu nehmen, erneut eine moralische Überlegenheit „des Westens“ festzustellen wie es bei der Erklärung des britischen Premiers Cameron anklingt. Er fordert nun vor dem Hintergrund dieses terroristischen Anschlags die ‚demokratischen Werte des freien Westens energisch zu verteidigen‘ (sinngemäß nach NDR Info, 7.1.2015). Des freien Westens? In Abgrenzung vom wem? Auch Spiegel-Online-Kommentator Roland Nelles schreibt: „Der Kampf einiger hasserfüllter Islamisten gegen den Westen hat an diesem traurigen Tag eine neue Qualität erreicht.“
Was bewirken derartige Aussagen in unseren Köpfen? Nach Cameron geht es um eine klare Grenze zwischen „uns“ und „denen“, zwischen „dem Westen“ und der muslimischen Welt. Das hat er natürlich so nicht gesagt, aber auf das „einerseits“ (freier Westen) folgt im Kopf eben das nicht ausgesprochene „andererseits“. Und Spiegel-Online-Kommentator Nelles haut in dieselbe Kerbe, wenn er davon spricht, dass sich der Kampf dieser Islamisten „gegen den Westen“ (das sind wir ja alle) richtet. Bei allem Entsetzen über den aktuellen Anschlag und der Trauer um die Opfer darf nicht vergessen werden, dass genau solche ultrareaktionäre Islamisten seit Jahren im Irak, in Syrien, im Jemen auf grausamste Art wüten und die Zahl ihrer Opfer dort Zigtausende sind – mehrheitlich ebenfalls Muslime. So viele Bilder von blutigen Anschlägen aus dem Irak sind per Tagesschau in unsere Wohnzimmer gekommen, dass wir abgestumpft sind.
Um auf Cameron zurückzukommen: Es geht nicht um demokratische Freiheitswerte des Westens, sondern diese Werte sind universelle Werte. Sie werden überall reklamiert, selbst im kriegszerrissenen Syrien. Und in diesem Sinne erfreulich sind die Erklärungen, die heute, direkt nach Bekanntwerden des Anschlags in Paris, von zahlreichen muslimischen Würdenträgern und arabischen Politikern abgegeben worden sind. Darin wird u. a. betont, dass das Schüren von Hass gegen andere und erst recht das Töten anderer Menschen keinesfalls aus dem Islam abgeleitet werden kann, sondern seinen Geboten widerspricht.
Es ist zu befürchten, dass der verbrecherische Anschlag von Paris denen, die hierzulande eine antiislamische, rassistisch geprägte Stimmung befördern wollen, Wasser auf ihre Mühlen gibt. Letztlich haben sie doch eine gewisse Verwandtschaft; jedenfalls diejenigen, die blanken Hass gegen Muslime, „Fremde“, „Migranten“ etc. hegen, und die, die einen ebenso reaktionären Hass auf alle haben, von denen sie glauben, dass sie den Propheten Mohammed beleidigt haben oder vielleicht vom islamischen Glauben „abgefallen“ sind. Dass die einen und die anderen aus ihrem reaktionären Hass heraus bereit sind, zu morden, wissen wir. Es ist nun auf tragische Weise bestätigt worden.
